PV‑geführtes Laden, also das Laden des Elektroautos mit dem Überschuss der Solaranlage, gilt als einer der effizientesten Wege, selbst erzeugten Solarstrom optimal zu nutzen. Statt Überschüsse günstig ins Netz einzuspeisen, fließen sie direkt ins Elektroauto – sauber, lokal und kostengünstig. Doch wo liegen die praktischen Grenzen? Ein nüchterner Blick auf Chancen und Herausforderungen.
Warum PV‑geführtes Laden überzeugt
Geringere Energiekosten
Solarstrom vom eigenen Dach kostet nur einen Bruchteil des Netzstroms. Jede Kilowattstunde, die direkt ins Auto fließt, spart bares Geld – besonders bei regelmäßigen Standzeiten während der Sonnenstunden.
Mehr Unabhängigkeit
Wer sein Fahrzeug mit eigenem Solarstrom lädt, macht sich weniger abhängig von Strompreisen, Tarifen und politischen Rahmenbedingungen. Der Eigenverbrauch steigt, die Abhängigkeit vom Netz sinkt.
Klimaschutz ohne Komfortverlust
PV‑Strom ist emissionsfrei. Ein hoher PV‑Anteil beim Laden reduziert den CO₂‑Fußabdruck der Elektromobilität deutlich.
Bessere Nutzung der PV‑Anlage
Viele Anlagen erzeugen mittags mehr Strom, als im Haushalt benötigt wird. PV‑geführtes Laden nutzt diesen Überschuss sinnvoll statt ihn billig einzuspeisen.
Die Herausforderungen: Was man realistisch einplanen muss
Herstellerabhängigkeit
Der Markt ist technisch fragmentiert. Wallboxen, Wechselrichter und Energiemanagementsysteme verschiedener Hersteller sind fast nie kompatibel.
- Proprietäre Schnittstellen
- Unvollständige Kompatibilitätslisten
- Firmware‑Abhängigkeiten
- Lock‑in‑Effekte durch geschlossene Ökosysteme
Eine sorgfältige Auswahl der Komponenten ist entscheidend.
Längere und schwankende Ladedauer
PV‑Überschuss ist wetter- und tageszeitabhängig. Das führt zu:
- Ladeleistungen von oft nur 1,4–3 kW (wenn Wallbox und Auto überhaupt mit weniger als 4 kW laden können – Stichwort Umschaltung 3-phasig zu 1-phasig laden)
- Häufigem Hoch‑ und Runterregeln, wenn der Himmel nicht komplett wolkenlos ist
- Verlängerten Ladezeiten (vor allem wenn die Solarbatterie nicht genutzt werden soll)
- Netzstrombedarf bei spontanen Fahrten, wenn der Sonnenstrom doch nicht gereicht hat
Wenn das Auto tagsüber unterwegs ist
Der größte praktische Engpass:
PV‑geführtes Laden funktioniert nur, wenn das Auto zu Hause ist, wenn die Sonne scheint.
Für viele Nutzer gilt jedoch:
- Das Auto steht tagsüber am Arbeitsplatz
- Der PV‑Ertrag entsteht zwischen 10 und 16 Uhr
- Abends ist der Überschuss weg
- Netzstrom wird notwendig
Damit sinkt der reale PV‑Anteil deutlich – unabhängig von der Technik.
Batteriespeicher: nutzen oder schonen?
Die Frage, ob der Heimspeicher das Auto mitversorgen soll, ist komplex.
- Zusätzliche Zyklen verkürzen die Lebensdauer
- Umwandlungsverluste von 10–20 %
- Konflikte zwischen Haushaltsversorgung, Nachtreserve und Auto
- Hohe Anforderungen an die Steuerlogik
Oft ist es sinnvoller, den Speicher für den Haushalt zu reservieren und das Auto nur mit echtem PV‑Überschuss zu laden.
Kosten für Energiemanagementsysteme (EMS)
Ein EMS kann viele der angesprochenen Probleme lösen, mit denen der Wechselrichter alleine überfordert ist, vor allem wenn sie herstellerunabhängig sind, intelligente Prognosen für Verbrauch und Solarertrag bieten und das gewünschte Modell des Wechselrichters, der Wallboxen und der Fahrzeuge unterstützen.
Allerdings hat das in der Regel auch seinen Preis:
- 300–1.200 € für Hardware
- 200–600 € für Installation
- Teilweise laufende Lizenz- oder Subskriptionskosten, meist 5-9 Euro / Monat – die muss man dann auch erst mal wieder erwirtschaften.
Fazit: Sinnvoll, wenn Rahmenbedingungen passen – es geht aber auch ohne!
PV‑geführtes Laden ist ein starker Hebel für Kosteneinsparung, Klimaschutz und Unabhängigkeit. Es nutzt die eigene PV‑Anlage optimal aus und macht Elektromobilität noch nachhaltiger. Gleichzeitig erfordert es realistische Erwartungen, kompatible Technik und ein Mobilitätsprofil, das tagsüber ausreichend Standzeit ermöglicht.
Aber falls es bei Dir an dem ein oder anderen Grund schwierig ist (so wie bei mir auch): Etwas Menschenverstand und ein Blick aus dem Fenster reicht aus, um das Auto auch ohne komplexe Steuerung bei Sonne und/oder voller Batterie mit günstigem Strom zu laden. Die wichtigste Investition war und ist die PV-Anlage sowie das Elektroauto nebst Wallbox – alles andere ist nettes Beiwerk. Ein geeigneter Stromtarif und/oder ein wenig Nachdenken beim Laden hilft oft genau so viel.